Klaus Staeck wird 80

Klaus Staeck: Vorsicht Kunst!, 1982 (© VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Wer ihn kennt, umtriebig, alterslos, immer engagiert im Zeitgeschehen, wo es um Menschenrechte, Kunst und Kunstfreiheit geht, kann es kaum glauben: Am 28. Februar 2018 vollendet das Multitalent Klaus Staeck das achtzigste Lebensjahr.
Staeck, als Künstler zu Unrecht oft auf seine wirkungsmächtige „Plakatkunst“ reduziert, hat ein umfangreiches Werk geschaffen, das sich vieler Bildmedien bedient: Collage ebenso wie Zeichnung, Foto und Grafik, keineswegs nur auf die große Auflage zielend. Mehr als 3000 Ausstellungen – in Museen, aber auch Gemeinschaftseinrichtungen, Botschaften und Kulturinstitutionen – haben sein Werk vermittelt. So sind gerade in jüngster Zeit seine Fotografien und Filme von Reisen mit Joseph Beuys in die USA ausgestellt worden.
Seit seiner Übersiedlung im Jahr 1956 gleich nach dem Abitur aus Bitterfeld nach Heidelberg hat er sich mit seinen Mitteln und Möglichkeiten frühzeitig in das Leben und die Entwicklung der bundesrepublikanischen Gesellschaft eingemischt, wozu seine mit der Anwaltszulassung abgeschlossene juristische Ausbildung gewisse Grundlagen legte.
Immer „ohne Auftrag“, das war ihm immer wichtig, begann er unter dem Motto „Vorsicht Kunst“ in der Tradition z. B. von Heartfield Stellung zu beziehen, wo er Ungerechtigkeiten oder Fehlentwicklungen vermutete. Seine frühesten Arbeiten – das Plakat mit dem Motiv von Dürers Mutter und der Frage „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ oder der Dauerbrenner „Deutsche Arbeiter – die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen“ – setzten die Themen und erregten, wie gewünscht, Anstoß. Vor allem aber schufen sie, das war die Absicht, Denkanstöße. Bis heute kann man immer auf Kommentare in diesem Medium gespannt sein, und die Themen, dafür sorgt die Politik, gehen ihm nicht aus.
Vor Staecks Engagement, das immer auch darauf zielt, andere zu motivieren, sie zu Verbündeten oder wenigstens Diskussionspartnern zu machen, ist niemand und zu keiner Zeit sicher. Das hat viele Entwicklungen in Gang gesetzt, die bis heute anhalten.
1971, um nur ein Beispiel zu nennen, kämpfte er mit Beuys und Heerich für die Öffnung des soeben als elitäre Veranstaltung begonnenen Kölner Kunstmarkts. Als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie stellte er mit Haacke und anderen weitsichtig Pläne der Politik in Frage, die staatliche Kunst- und Kulturfinanzierung zu privatisieren.
Seine wichtigste, institutionalisierte Aktion war seine Präsidentschaft der Akademie der Künste in Berlin von 2006 bis 2015, die in eine Ehrenpräsidentschaft mündete: Die Akademie, deren soeben eröffnetes Gebäude am Pariser Platz in Berlin von mächtigen Akteuren der örtlichen Kunstszene wegen angeblich fehlender Aktivitäten bereits öffentlich zur Disposition gestellt wurde, entwickelte sich unter seiner Federführung zu einem Zentrum kunstimmanenter, aber auch kunst- und gesellschaftspolitischer Aktivitäten in der Hauptstadt, freilich immer unter künstlerischer Perspektive. In diesem Sinn hat er auch immer wieder die Aktivitäten der Initiative Urheberrecht unterstützt und sich persönlich daran beteiligt. Auch konservative Kulturpolitiker und Staatsminister konnten ihm den Respekt nicht versagen, und das in Baden-Württemberg verweigerte Verdienstkreuz wurde ihm in Anerkennung seiner Leistungen vom Bundespräsidenten persönlich verliehen: eine Auszeichnung für einen Demokraten, der nie müde wurde, eine Lanze für die viel gescholtenen „Politiker“ zu brechen, aus Achtung vor Mitmenschen, deren Anspruch es ist, im Interesse der Allgemeinheit tätig zu werden.
Unter dem Titel „Kunst für alle“ zeigte die Akademie in Berlin im Jahr 2015 in einer faszinierenden, groß angelegten Retrospektive die ganze Spannweite seines Werks; zum Geburtstag lädt das Folkwang Museum in Essen bis zum 8. April 2018 zu einer retrospektiven Ausstellung seiner Plakate ein. Freilich ist der Begriff der Retrospektive gewagt: sicherlich hat er bis zum Abschluss schon wieder Neues produziert.
Deshalb hat er sein Gesamtwerk (in progress) zu Recht unter das Motto „Nichts ist erledigt“ gestellt: damit haben wir die Gewissheit, dass sein Schaffensdrang in keiner Weise von biografischen Daten gebremst werden wird; mehr noch: Wir können davon ausgehen, dass alle, die kulturell und politisch engagiert oder interessiert sind, vor ihm auch in Zukunft nicht sicher sein, sondern ständig herausgefordert werden – und das ist nicht nur gut so, das brauchen wir nach wie vor dringend.

Prof. Dr. Gerhard Pfennig
Sprecher der Initiative Urheberrecht

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